Autor: Michaela Paefgen-Laß

Wie Journalisten mit Social Media zur Marke werden

Social Media ist pfui und macht den Journalismus kaputt. Längst hat sich diese Denke geändert. Jetzt nutzen Journalisten die Möglichkeiten des World-Wide-Web, um sich selbst als Marke zu präsentieren, die Qualität von journalistischen Texten im Web zu retten und sich ihr größtes Gut zurückzuholen: Das “ICH” … hier geht es weiter …

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Ankünpfungspunkte: Mainzer Orchester spielt für Flüchtlinge

Das Philharmonische Staatsorchester lodert förmlich auf  – unter und mit der Musik von Kinan Azmeh. Der in Damaskus geborene und in New York lebende Klarinettist spielt die Soloklarinette in seiner „Suite for Imporvisor and Orchestra“. Es sind intensive, üppig geladene orientalische Klanggebilde, die sich aus seiner Klarinette schlängeln. Streicher und Bläser pulsieren wie von der Wucht des Klanges in die Atemlosigkeit gedrängte Körper. Das Publikum ist elektrisiert, nach dem letzten Ton reißt es aus allen Sitzen. Nicht wenige der Zuhörer haben das Kleine Haus des Staatstheaters am Donnerstagnachmittag zum ersten Mal betreten. Hier erleben sie vielleicht gerade zum ersten Mal im Leben die unmittelbare Wirkung von Musik im Konzertsaal. Sie kommen aus Syrien, Eritrea oder Somalia. Haben Flucht und Vertreibung erlebt. Müssen sich abseits der eigenen Kultur zurechtfinden und orientieren. Den nummerierten Sitzplatz in einem Konzertsaal finden ist da noch das wenigste. Kinan Azmeh, der für „Anknüpfungspunkte“, das von den Musikern des Staatsorchesters organisierte Begegnungskonzert für Flüchtlinge, extra aus New York angereist ist und wie die Orchestermusiker und Generalmusikdirektor Hermann Bäumer auf seine Gage verzichtet hat, reicht den Menschen im …

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Deportation Cast: “Warum sind wir hier?”

Abgeschoben, weil die Zeit der offiziellen Duldung ausgelaufen ist. Das erlebt die junge Elvira, die als Mitglied der verfolgten Minderheit der Roma Ende der 1990er Jahr vor den Schrecken des Krieges und der Diskriminierung mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland floh und jetzt zurück geschickt wird. Abgeschoben aus einem Alltag mit Schule, Freunden und Sicherheiten, zurück in Armut und Diskriminierung. Von einem Tag auf den nächsten. Wer ist Schuld? Wer hat versäumt? „Deportation Cast“ von Björn Bicker ist ein Theaterstück für junge Menschen ab 14 Jahren. „In Zeiten in denen Heime brennen, hat das Stück große Aktualität“, sagt Regisseurin Brit Bartkowiak. Die Inszenierung, die ab Sonntag im Glashaus des Mainzer Staatstheaters zu sehen sein wird, hat sie aus Oldenburg mitgebracht. Dort war das 2012 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnete Stück während der Intendanz von Markus Müller zu sehen. Für Mainz mussten zwei der vier Rollen neu besetzt werden. Neu ist auch die Raumgestaltung. Die Stadt Mainz, in der sich die Menschen unter einem Himmel vermischen in dem sich die Flugzeuge kreuzen, ist Teil …

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Michael Pietsch: Schauspieler und Puppenbauer

Freundlich winkend stakst Adalbertchen über die Bühne im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters. Knapp fünf Meter über ihm bewegt sich eine fahrbare Brücke quer zum Raum hin und her. Ihr Tempo bestimmt Adalbertchens Laufschritt. Über Wohl und Wehe des Buben bestimmen Michael Pietsch, Schauspieler und seit dieser Spielzeit festes Ensemblemitglied am Staatstheater, ein kompliziert verstrebtes Spielkreuz das Pietsch in der rechten Hand hält und 16 knapp sechs Meter lange Fäden. Noch anderthalb Stunden bis sich der Vorhang für Gerhart Hauptmanns Milieudrama „Die Ratten“ hebt. Insgesamt 15 Puppen hat Pietsch unterstützt von den künstlerischen Abteilungen für die Produktion angefertigt. Adalbertchen, das tote Kind, wird gerade für die Vorstellung eingerichtet. Michael Pietsch ist Schauspieler und wollte, so lange er sich erinnern kann auch nichts anderes sein. Puppenspiel und Puppenbau sind seine zweite Passion. Mit drei Jahren Kasperlefiguren unter dem Weihnachtsbaum, erste Versuche als Puppenbauer mit fünf und mit zehn die erste selbst geschnitzte Holzmarionette. Die dritte Konstante in Pietschs Schauspielerleben ist die Freundschaft zu Regisseur Jan-Christoph Gockel, die noch aus Teenagertagen als Statist am Kaiserslauterner Pfalztheater rührt. …

Mainzer Stadtschreiber 2015: Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu über die Bücher seines Lebens

Wer weit reisen will, aber nicht fliegen kann, sitzt viel in der Bahn. Wer Bücher schreibt aber keinen Computer will, muss auf unbequemeren Tasten tippen. Beide Entscheidungen rauben Zeit – oder schenken sie, je nach Sichtweise. Der neue Mainzer Stadtschreiber Feridun Zaimoglu hat sich für die jeweils ruhigere Gangart entschieden. Und das scheint ihm genau die Räume zu lassen, die er benötigt um sich ganz der Sprache hinzugeben und ihren Wert zu verfechten. Viel Bemerkenswertes über den Autor und sein Verhältnis zur Kraft des gedruckten Wortes, durfte das Publikum am Mittwochabend im KUZ bei der Aufzeichnung der SWR-Sendung „lesenswert“ erfahren. Zaimoglu, der sein Amt in der vergangenen Woche angetreten hat, brauchte von seiner Stadtschreiberwohnung nur einen kurzen Fußmarsch entlang des Rheines zurück zu legen. „Mainz“, so verriet er im lockeren Plausch beim Soundcheck Moderatorin Felicitas von Lovenberg, „ist wirklich gut“. Und er sammelt Gartenzwerge, „die grimmigen, nicht die mit den freundlichen Gesichtern“. Drei Bücher, die sein Leben prägten hatte Feridun Zaimoglu mitgebracht. Aus allen strotzt die Kraft der Sprache. Und so wie Zaimoglu die Literatur, die …

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Begegnung mit Matt Mullican

Matt Mullican sitzt auf der Treppe in der Mainzer Kunsthalle und nimmt sich die Zeit, seine Kosmologie zu erklären, ein komplexes System aus Farben, Piktogrammen und Schaubildern. Es geht ihm um Wahrnehmung und Wirklichkeit. Um die Erkenntnis, wie die Welt geordnet ist. Wie die Dinge in ihr zueinander in Verbindung stehen. Es ist Montag, in vier Tagen, am Donnerstag, wird Mullicans Ausstellung „Books Representing Books“ eröffnet. Mehr Skizzen, Notizbücher, Textbausteine und Bildersammlungen gab es von dem 1951 im kalifornischen Santa Monica geborenen Künstler bislang noch nirgends zu sehen. Er gehört zu den international hoch geachteten Konzeptkünstlern der Gegenwart. „Ein Superstar“, wie Thomas D. Trummer, künstlerischer Leiter der Kunsthalle sagt, „der sich für Mainz sehr viel Zeit nimmt“. Viermal war er in den vergangenen Wochen schon vor Ort. Tausende von Blättern sind mittlerweile so gereiht worden, wie es die Logik in Mullicans Universum zwingend erfordert. Lose Blätter sind für ihn eine andere Präsentationsform des Buches, auch sie verlangen nach Chronologie. Dazu gehören comichafte Kugelschreiberskizzen auf Rechenblättern, Blätter mit Internetfotografien und riesige Wortfolgen auf Bettlaken gepinselt. Mullican …

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Optimistischer Arbeitsminimalist

Als Romanfigur von Wolf Haas hat man es nicht leicht. Weil nichts verlässlich ist. Reicht es ihm nicht, dass Privatdetektiv Simon Brenner innerhalb von drei Serienbänden aus dem beschaulichen Bergdorf heraus in die Großstadt Stadt Wien verpflanzt wurde. Und nicht außerdem, dass diesem schon zweimal innerhalb von zwanzig Jahren und sieben Bänden der Ruhestand versprochen wurde. Muss er jetzt noch in James-Bond-Manier mit dem Motorrad durch die Mongolei geschickt werden? Ja, das mache ihm schon moralische Probleme, wie er mit dem Brenner umgehe, gesteht dessen Erschaffer. Immerhin. Mit „Brennerova“, dem jüngsten Band der Krimi-Serie um den eigenwilligen Privatdetektiv ist der in Wien lebende Autor Wolf Haas derzeit auf Lesetour. Am Donnerstagabend sprach er bei der Aufzeichnung für die SWR-Sendung „lesenswert“ im KUZ mit Moderator Denis Scheck über die schriftstellerische Pflege minimalster Leistungsanforderungen und wie daraus hochgelobte Spitzenkrimis entstehen. „Ich kann eigentlich nur sehr schlecht viel lesen“, gestand Haas. Denis Scheck, der zu den gepfeffertsten und wortwendigsten Literaturkritikern Deutschlands zählt, feierte in der Sendung als Nachfolger von Thea Dorn seine Premiere. „Ihre Romane sind Sprachkurs und ganz große …

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Schott Music in Mainz veröffentlicht neben Klassik auch Fastnachtsmusik

09.02.2013 Von Michaela Paefgen-Laß Mainz. Fastnacht und Ballett, das passt zusammen wie zwei Kärtchen beim Memoryspiel. Narrhallamarsch und Büttenrede ebenfalls. Undenkbar das eine ohne das andere. Was aber hat der Mainzer Narrhallamarsch mit dem romantischen Ballett „Giselle“ zu tun – wenn Letzteres nicht gerade von einer Männertanzgruppe in Tutu verballhornt wird? Banal und doch überraschend: Beide stammen vom gleichen Komponisten. Eigentlich. Denn Adolphe Adam, der im Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts leichte Ballettmusiken und komische Opern wie am Fließband produzierte, hatte sicher nicht die Mainzer Saalfastnacht im Sinn, als er seine Opéra Comique „Le Brasseur de Preston“ um einen hübschen, gefälligen Militärmarsch komplettierte. Das war 1838, im Gründungsjahr des Mainzer Carneval-Verein e.V. (MCV). Dem Startschuss der modernen Fastnacht. Die Oper ist längst vergessen. Den Militärmarsch hat MCV-Gründungsmitglied Karl Zulehner, gebürtiger Mainzer und kaiserlich-königlicher Regimentskapellmeister, quasi gerettet… (weiterlesen) (Erschienen am 09. Februar 2013 im Feuilleton von Allgemeine-Zeitung Mainz und Wiesbadener Kurier)

Arnold Schönberg

Im Sommer 1899…

…verbrachte der damals 24-jährige Komponist Arnold Schönberg die Tage mit seinem Freund Alexander von  Zemlinsky in der Nähe von Wien. Dort verliebte er sich prompt in Mathilde,  die jüngere Schwester des Freundes. Verklärte Nacht Verliebt und inspiriert begann der junge Komponist sofort an seiner, wie er später selbst sagte, ersten vollgültigen Tondichtung zu arbeiten. Dem Streichsextett “Verklärte Nacht” nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Bei der Komposition von Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ leitete mich die Absicht, in der Kammermusik jene neuen Formen zu versuchen, welche in der Orchestermusik durch Zugrundelegen einer poetischen Idee entstanden sind. Die Dichtung Dehmels erzählt von einer dramatischen Paarbeziehung vor der romantischen Kulisse einer Vollmondnacht. Den jungen Schönberg reizte an dem Gedicht die neue unbürgerliche Moral, die Idee  des Eros und der Liebe, die alle Konvention Beiseite schiebt um in einer eigenen hochmoralischen menschlichen Haltung gipfeln zu können. Musikalische Naturdichtung Schönberg übernimmt aus dem Gedicht die Stimmungen und Emotionen, die er programmmusikhaft in Tonsprache übersetzt.  Anders als seine Zeitgenossen schildert er in seiner Sinfonischen Dichtung keinen Handlungsablauf, sondern lässt die …