Autor: Michaela Paefgen-Laß

Feridun Zaimoglu über die Bücher seines Lebens

Wer weit reisen will, aber nicht fliegen kann, sitzt viel in der Bahn. Wer Bücher schreibt aber keinen Computer will, muss auf unbequemeren Tasten tippen. Beide Entscheidungen rauben Zeit – oder schenken sie, je nach Sichtweise. Der neue Mainzer Stadtschreiber Feridun Zaimoglu hat sich für die jeweils ruhigere Gangart entschieden. Und das scheint ihm genau die Räume zu lassen, die er benötigt um sich ganz der Sprache hinzugeben und ihren Wert zu verfechten. Viel Bemerkenswertes über den Autor und sein Verhältnis zur Kraft des gedruckten Wortes, durfte das Publikum am Mittwochabend im KUZ bei der Aufzeichnung der SWR-Sendung „lesenswert“ erfahren. Zaimoglu, der sein Amt in der vergangenen Woche angetreten hat, brauchte von seiner Stadtschreiberwohnung nur einen kurzen Fußmarsch entlang des Rheines zurück zu legen. „Mainz“, so verriet er im lockeren Plausch beim Soundcheck Moderatorin Felicitas von Lovenberg, „ist wirklich gut“. Und er sammelt Gartenzwerge, „die grimmigen, nicht die mit den freundlichen Gesichtern“. Drei Bücher, die sein Leben prägten hatte Feridun Zaimoglu mitgebracht. Aus allen strotzt die Kraft der Sprache. Und so wie Zaimoglu die Literatur, die …

Begegnung mit Matt Mullican

Matt Mullican sitzt auf der Treppe in der Mainzer Kunsthalle und nimmt sich die Zeit, seine Kosmologie zu erklären, ein komplexes System aus Farben, Piktogrammen und Schaubildern. Es geht ihm um Wahrnehmung und Wirklichkeit. Um die Erkenntnis, wie die Welt geordnet ist. Wie die Dinge in ihr zueinander in Verbindung stehen. Es ist Montag, in vier Tagen, am Donnerstag, wird Mullicans Ausstellung „Books Representing Books“ eröffnet. Mehr Skizzen, Notizbücher, Textbausteine und Bildersammlungen gab es von dem 1951 im kalifornischen Santa Monica geborenen Künstler bislang noch nirgends zu sehen. Er gehört zu den international hoch geachteten Konzeptkünstlern der Gegenwart. „Ein Superstar“, wie Thomas D. Trummer, künstlerischer Leiter der Kunsthalle sagt, „der sich für Mainz sehr viel Zeit nimmt“. Viermal war er in den vergangenen Wochen schon vor Ort. Tausende von Blättern sind mittlerweile so gereiht worden, wie es die Logik in Mullicans Universum zwingend erfordert. Lose Blätter sind für ihn eine andere Präsentationsform des Buches, auch sie verlangen nach Chronologie. Dazu gehören comichafte Kugelschreiberskizzen auf Rechenblättern, Blätter mit Internetfotografien und riesige Wortfolgen auf Bettlaken gepinselt. Mullican …

Optimistischer Arbeitsminimalist

Als Romanfigur von Wolf Haas hat man es nicht leicht. Weil nichts verlässlich ist. Reicht es ihm nicht, dass Privatdetektiv Simon Brenner innerhalb von drei Serienbänden aus dem beschaulichen Bergdorf heraus in die Großstadt Stadt Wien verpflanzt wurde. Und nicht außerdem, dass diesem schon zweimal innerhalb von zwanzig Jahren und sieben Bänden der Ruhestand versprochen wurde. Muss er jetzt noch in James-Bond-Manier mit dem Motorrad durch die Mongolei geschickt werden? Ja, das mache ihm schon moralische Probleme, wie er mit dem Brenner umgehe, gesteht dessen Erschaffer. Immerhin. Mit „Brennerova“, dem jüngsten Band der Krimi-Serie um den eigenwilligen Privatdetektiv ist der in Wien lebende Autor Wolf Haas derzeit auf Lesetour. Am Donnerstagabend sprach er bei der Aufzeichnung für die SWR-Sendung „lesenswert“ im KUZ mit Moderator Denis Scheck über die schriftstellerische Pflege minimalster Leistungsanforderungen und wie daraus hochgelobte Spitzenkrimis entstehen. „Ich kann eigentlich nur sehr schlecht viel lesen“, gestand Haas. Denis Scheck, der zu den gepfeffertsten und wortwendigsten Literaturkritikern Deutschlands zählt, feierte in der Sendung als Nachfolger von Thea Dorn seine Premiere. „Ihre Romane sind Sprachkurs und ganz große …

Schott Music in Mainz veröffentlicht neben Klassik auch Fastnachtsmusik

09.02.2013 Von Michaela Paefgen-Laß Mainz. Fastnacht und Ballett, das passt zusammen wie zwei Kärtchen beim Memoryspiel. Narrhallamarsch und Büttenrede ebenfalls. Undenkbar das eine ohne das andere. Was aber hat der Mainzer Narrhallamarsch mit dem romantischen Ballett „Giselle“ zu tun – wenn Letzteres nicht gerade von einer Männertanzgruppe in Tutu verballhornt wird? Banal und doch überraschend: Beide stammen vom gleichen Komponisten. Eigentlich. Denn Adolphe Adam, der im Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts leichte Ballettmusiken und komische Opern wie am Fließband produzierte, hatte sicher nicht die Mainzer Saalfastnacht im Sinn, als er seine Opéra Comique „Le Brasseur de Preston“ um einen hübschen, gefälligen Militärmarsch komplettierte. Das war 1838, im Gründungsjahr des Mainzer Carneval-Verein e.V. (MCV). Dem Startschuss der modernen Fastnacht. Die Oper ist längst vergessen. Den Militärmarsch hat MCV-Gründungsmitglied Karl Zulehner, gebürtiger Mainzer und kaiserlich-königlicher Regimentskapellmeister, quasi gerettet… (weiterlesen) (Erschienen am 09. Februar 2013 im Feuilleton von Allgemeine-Zeitung Mainz und Wiesbadener Kurier)

Im Sommer 1899…

…verbrachte der damals 24-jährige Komponist Arnold Schönberg die Tage mit seinem Freund Alexander von  Zemlinsky in der Nähe von Wien. Dort verliebte er sich prompt in Mathilde,  die jüngere Schwester des Freundes. Verklärte Nacht Verliebt und inspiriert begann der junge Komponist sofort an seiner, wie er später selbst sagte, ersten vollgültigen Tondichtung zu arbeiten. Dem Streichsextett „Verklärte Nacht“ nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Bei der Komposition von Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ leitete mich die Absicht, in der Kammermusik jene neuen Formen zu versuchen, welche in der Orchestermusik durch Zugrundelegen einer poetischen Idee entstanden sind. Die Dichtung Dehmels erzählt von einer dramatischen Paarbeziehung vor der romantischen Kulisse einer Vollmondnacht. Den jungen Schönberg reizte an dem Gedicht die neue unbürgerliche Moral, die Idee  des Eros und der Liebe, die alle Konvention Beiseite schiebt um in einer eigenen hochmoralischen menschlichen Haltung gipfeln zu können. Musikalische Naturdichtung Schönberg übernimmt aus dem Gedicht die Stimmungen und Emotionen, die er programmmusikhaft in Tonsprache übersetzt.  Anders als seine Zeitgenossen schildert er in seiner Sinfonischen Dichtung keinen Handlungsablauf, sondern lässt die …

Präsentation der „Evolution“

20.06.2012 – MAINZ URAUFFÜHRUNG Kammerorchester spielt neues Werk von Peter Michael Braun (mpl). Der Grundsatz im kompositorischen Schaffen von Peter Michael Braun lautet, dass die Faszination von Leben und Musik auf Schwingungen und deren mathematischen Beziehungen beruht. Damit folgt Braun dem Satz von Leibniz, Musik sei eine „verborgene Rechenübung der Seele“. Im zweiten Konzert der Reihe Mainz Musik brachte der 1936 geborene Komponist mit dem Mainzer Kammerorchester als kongenialen Partner am Samstagabend sein gut einstündiges Werk „Evolution“ im Roten Saal der Musikhochschule zur Welturaufführung. Teilen und Vervielfältigen Lange Töne in den tiefen Streichern eröffnen die „Evolution“ wie Glockenschläge. Darüber entwickeln sich nach einer Weile kurze, hochtönige Motive in den Geigen. In diesen ersten Takten stellt Braun das gesamte Prinzip der „Evolution“ vor, das sich am besten durch den Vergleich mit dem altertümlichen Ein-Saiten-Instrument Monochord erklären lässt. Wird eine Seite geteilt, erhöht sich ihre Frequenz, es entstehen Obertöne. Wird der Saite Raum gegeben, entstehen die tiefen Untertöne, die sich auch in Glockenschlägen hören lassen. Der gesamte erste Satz spielt mit langen Tönen, dem mathematischen Teilen und …

Verschwunden in der Nacht

Heute vor 15 Jahren ist Jeff Buckley mit gerade einmal 30 Jahren gestorben. Mitten in der Arbeit für sein neues Album „My Sweethart, The Drunk“, vom dem Kritiker sagen, es hätte eine Platte im Ausmaß von Sgt. Pepper’s werden können. Es wird nie wirklich aufgeklärt werden können, was den jungen Sänger und Songwriter antrieb, sich mitten in der Nacht gedankenverloren immer tiefer in das Wasser des Wolf River treiben zu lassen.  So bleibt er der Erinnerung  als ein rätselhafter junger Künstler im Leben wie im Tod. Für sein einziges  Album „Grace“  erhielt Jeff Buckley 1995 den begehrten französischen „Grand Prix International Du Disque“ – vor ihm haben Stars wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, Leonard Cohen, Yves Montand, Edith Piaf und Jacques Brel diese Auszeichnung entgegen genommen. „Künstler sollen die Schnauze halten und auf genau das hören, was von Innen kommt…“ „Grace“ beinhaltet zum Sterben schöne und zeitlose Musik: melancholisch, außergewöhnlich, voller Sehnsucht und tief bewegend. Jeff Buckley muss man zuhören, sich ganz auf seine einzigartige Musik einlassen. Manchmal ist es anstrengend,  seine Lieder zu genießen. Und …

Schwulenklischees aufs Korn genommen

15.05.2012 – MAINZ Von Michaela Paefgen-Lass LITERATURFESTIVAL Lesung von Comiczeichner Ralf König Mit dem einen Klischee räumt Comiczeichner Ralf König direkt auf: „Ich bin schwul ja, aber das ist nicht mein einziges Thema“. König, der durch die Verfilmung seines Comics „Der bewegte Mann“ Mitte der neunziger Jahre einem breiten Publikum bekannt wurde, setzte mit seiner Comic-Lesung am Sonntagabend den Schlusspunkt unter das 4. Mainzer Literaturfestival im Baron auf dem Uni-Campus. Seit dreißig Jahren malt und schreibt König Comics. Zu Anfang seiner Karriere sei es sicher eine Befreiung gewesen, dass da einer Witze über das Schwulsein mache. „Aber irgendwann ist das nicht mehr frisch.“ Mit dem Sammelband „Der dicke König“ würdigte der Ehapa-Verlag im vergangenen Jahr das Schaffen des Autors. Dem Mainzer Publikum präsentierte er daraus kurze, bunte, brüllend komische Karikaturen und Kurzgeschichten. Die knollennasigen Figuren des Satirikers, meistens schwul, plaudern frei, unverkrampft und lustvoll über Sex und nackte Hintern oder nehmen gängige Schwulenklischees selbstironisch aufs Korn. Aber auch Ausgrenzung, Katholizismus und Islamismus haben einen Platz in Ralf Königs Werk. So bekehrt die Frau Abrahams Gott …

Wilder Virtuose im Piraten-Look

03.05.2012 – MAINZ Von Michaela Paefgen-Lass MEISTERKONZERT Geigen-Star Nemanja Radulovic begeistert mit Auftritt in der Rheingoldhalle Als „Rockstar“ unter den Violinvirtuosen und junger Geiger mit „Hexenkünsten“ war Nemanja Radulovic angekündigt worden. Als der in Serbien geborene Musiker nach der Pause beim 7. Meisterkonzert die Bühne in der Rheingoldhalle betrat, hatte das Publikum einen aus der Riege jener exzentrischen Klassikstars vor sich, die zunächst einmal durch ihr Äußeres auffallen. Schwarze Lockenmähne und Rüschenhemd Die lange schwarze Lockenmähne kaum gebändigt, enge Jeans, Schnürstiefel, Rüschenhemd und Piratenjacke: alles schwarz, versteht sich. Zuvor hatten die Musiker der deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter dem äußerst bildhaften, stets in die Tiefe der Musik dringenden Dirigat von George Pehlivanian mit der Sinfonie C-Dur von Paul Dukas das Publikum in einen wahren Rausch der musikalischen Ereignisse gerissen. Schon jetzt war der Titel des Programms „Phantastischer Wirbel“ längst umgesetzt. Es wurde also spannend. Sollte nun einer kommen, der dem ganzen noch die Krone aufsetzen konnte? Das Violinkonzert in h-moll, von Camille Saint-Saens ist das populärste, gleichzeitig technisch anspruchsvollste unter den drei Violinkonzerten des spätromantischen Franzosen. …

Die Magie langer Melodiebögen

01.05.2012 – MAINZ Von Michaela Paefgen-Lass JUBILÄUMSKONZERT „Sinfonietta“ spielt zum 40-jährigen Bestehen Beethoven und Dvorák Manchmal sind Synonyme gefordert, um Wortwiederholungen zu umgehen. Im Fall von Sinfonietta Mainz, das als Nachfolger des Philharmonischen Orchestervereins mit einem Jubiläumskonzert in der Phönixhalle sein 40-jähriges Bestehen feierte, ist die Suche nach dem treffenden Synonym nicht einfach. „Laien- oder Feierabendorchester“ sind wenig geeignet, die musikalisch gut aufgestellten und ambitionierten Musiker unter der Leitung von Michael Millard zu beschreiben. Passender ist Sinfonietta als ein Orchester zu sehen, dessen Mitglieder keine professionelle musikalische Karriere eingeschlagen haben. Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 mit Johannes Nies Genau dies durften die Zuhörer in der vollbesetzten Phönixhalle erleben – ein Sinfonieorchester, das weiß, was es kann und sich etwas zutraut. Ein geschicktes Statement in diese Richtung setzte Sinfonietta mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5: Es ist dies eines der ersten Werke der Gattung Sinfonisches Klavierkonzert, bei der das Orchester dem Soloinstrument nicht mehr dienend, sondern gleichwertig zur Seite gestellt ist. Beide verschmelzen im Dienst der musikalischen Aussage. Sinfonietta wurde diesem selbst gesetzten Anspruch gemeinsam mit dem durchweg …