Neueste Artikel

Wie Journalisten mit Social Media zur Marke werden

Social Media ist pfui und macht den Journalismus kaputt. Längst hat sich diese Denke geändert. Jetzt nutzen Journalisten die Möglichkeiten des World-Wide-Web, um sich selbst als Marke zu präsentieren, die Qualität von journalistischen Texten im Web zu retten und sich ihr größtes Gut zurückzuholen: Das “ICH” … hier geht es weiter …

07

Ankünpfungspunkte: Mainzer Orchester spielt für Flüchtlinge

Das Philharmonische Staatsorchester lodert förmlich auf  – unter und mit der Musik von Kinan Azmeh. Der in Damaskus geborene und in New York lebende Klarinettist spielt die Soloklarinette in seiner „Suite for Imporvisor and Orchestra“. Es sind intensive, üppig geladene orientalische Klanggebilde, die sich aus seiner Klarinette schlängeln. Streicher und Bläser pulsieren wie von der Wucht des Klanges in die Atemlosigkeit gedrängte Körper. Das Publikum ist elektrisiert, nach dem letzten Ton reißt es aus allen Sitzen.

Nicht wenige der Zuhörer haben das Kleine Haus des Staatstheaters am Donnerstagnachmittag zum ersten Mal betreten. Hier erleben sie vielleicht gerade zum ersten Mal im Leben die unmittelbare Wirkung von Musik im Konzertsaal. Sie kommen aus Syrien, Eritrea oder Somalia. Haben Flucht und Vertreibung erlebt. Müssen sich abseits der eigenen Kultur zurechtfinden und orientieren. Den nummerierten Sitzplatz in einem Konzertsaal finden ist da noch das wenigste.

Kinan Azmeh, der für „Anknüpfungspunkte“, das von den Musikern des Staatsorchesters organisierte Begegnungskonzert für Flüchtlinge, extra aus New York angereist ist und wie die Orchestermusiker und Generalmusikdirektor Hermann Bäumer auf seine Gage verzichtet hat, reicht den Menschen im Saal die Hand. Mit seiner Begrüßung auf arabisch und englisch. Vor allem aber mit seiner Musik, die beweist, dass es möglich ist, die vertrauten Klänge der Heimat mit den Tönen einer neuen Welt in Einklang zu bringen.

Handreichungen sind an diesem Nachmittag im Staatstheater in vielen Facetten allgegenwärtig. Die auf dem Tritonplatz aufgestellten Tische und Bänke laden zur Begegnung vor und nach dem Konzert ein. Die Musiker haben für das gemeinsame Fest ein Büffet organisiert.

Mainzer, die das Haus kennen, helfen den Gästen ihre Plätze zu finden. Es dauert halt ein wenig länger, bis die Türen geschlossen sind und Beethovens „Egmontouvertüre“ mit dem schweren Trauermarsch beginnen kann. Das Publikum erlebt die bildgewaltige Schauspielmusik aktiv. Steckt die Köpfe zusammen und macht Erinnerungsaufnahmen. Mozarts bezaubernde „Kleine Nachtmusik“ fordert sie dazu auf, begeistert zwischen den Sätzen zu applaudieren. „Es ist toll, wie ein Konzert erlebt werden kann, da fängt man an, die eigenen etablierten Publikumsrituale mal zu hinterfragen“, begeistert sich im Anschluss Orchestergeschäftsführer Jan-Claudius Hübsch.

„Uns ist es ein Herzenswunsch, Ihnen in Mainz willkommen zu sagen“, begrüßte Intendant Markus Müller die Gäste. Ehrliche, herzliche Worte, denen sich Orchestervorstand Christian Peterenz, Hermann Bäumer und Bildungsministerin Vera Reiß anschließen. Mit Künstlern und Mitarbeitern aus 30 Nationen ist das Staatstheater selbst ein kleiner Schmelztiegel der Kulturen. Das Fremdsein hat auf dem Spielplan seinen festen Platz.

„Die Musik ist fast zweitrangig. Die Menschen erleben, dass das hier extra für sie aufgetragen wird, das zählt“, sagt Klarinettist Ates Yilmaz bei der anschließenden Feier. Er hat eine Gruppe junger Männer aus Somalia mitgebracht. Lachend stehen sie zusammen. „Schon die Autofahrt war neu und aufregend“. Faisal und Ahmet aus Syrien, kennen sich in der klassischen Musik gut aus und schwärmen vom Streicherapparat des Orchesters und der Musik Kinan Azmehs. Ein Instrument unter Anleitung eines Berufsmusikers direkt ausprobieren, auch das ist beim Fest bis in den Abend möglich. „ Azmeh fragt musikalisch, wie kann das alles zusammengehen?“, hatte GMD Bäumer während des Konzerts gesagt. Den Beweis, dass Menschen und Dinge zusammen gehen können wenn sie guten Willens sind, lieferte an diesem Nachmittag sein Orchester weit über die Musik hinaus.

Bild: Kinan Azmeh

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 16. Mai 2015

Deportation-Cast_Denis-Larisch-Kristina-Gorjanowa_c_Andreas-Etter

Deportation Cast: “Warum sind wir hier?”

Abgeschoben, weil die Zeit der offiziellen Duldung ausgelaufen ist. Das erlebt die junge Elvira, die als Mitglied der verfolgten Minderheit der Roma Ende der 1990er Jahr vor den Schrecken des Krieges und der Diskriminierung mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland floh und jetzt zurück geschickt wird. Abgeschoben aus einem Alltag mit Schule, Freunden und Sicherheiten, zurück in Armut und Diskriminierung. Von einem Tag auf den nächsten. Wer ist Schuld? Wer hat versäumt?

„Deportation Cast“ von Björn Bicker ist ein Theaterstück für junge Menschen ab 14 Jahren. „In Zeiten in denen Heime brennen, hat das Stück große Aktualität“, sagt Regisseurin Brit Bartkowiak. Die Inszenierung, die ab Sonntag im Glashaus des Mainzer Staatstheaters zu sehen sein wird, hat sie aus Oldenburg mitgebracht. Dort war das 2012 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnete Stück während der Intendanz von Markus Müller zu sehen. Für Mainz mussten zwei der vier Rollen neu besetzt werden. Neu ist auch die Raumgestaltung. Die Stadt Mainz, in der sich die Menschen unter einem Himmel vermischen in dem sich die Flugzeuge kreuzen, ist Teil der Kulisse.

Elvira lebte im offiziell so bezeichneten „Duldungsstatus“ seit rund zehn Jahren in Deutschland. Die Schrecken des Kosovokrieges und der Verfolgung hat die Familie auch hier nicht abschütteln können. Egzon der kleine Bruder ist nach einer Bluttat in der ehemaligen Heimat stark traumatisiert, er spricht kein Wort. Auch der Vater ist seelisch schwer gezeichnet. Dennoch, Elvira und ihr Bruder Toni wachsen mit der deutschen Sprache im deutschen Bildungssystem auf und haben Freunde. Nach der Abschiebung werden sie wieder zu Fremden, erleben Armut und Ausgrenzung mehr denn je. In Deutschland sucht Elviras Freund Bruno mit Familie und Lehrerin nach Antworten. Der Vater hat als Pilot Abschiebeflüge geflogen. Wer ist Schuld? In der dritten Spielebene befragt eine Beobachterin die Sachbearbeiterin vom Ausländeramt, einen Arzt und einen Anwalt nach Verantwortung und Rechtfertigung.

Vier Darsteller spielen auf jeder Erzählebene des knapp anderthalbstündigen Stückes einen anderen Charakter. Insgesamt versuchen zwölf Figuren das Unerklärliche zu ergründen. In Interviews, Spielszenen und über die Erzählerstimme des stummen Kindes Egzon. „In „Deportation Cast“ ergibt sich aus der Summe subjektiver Blickwinkel und Erfahrungen ein vielschichtiges Panorama unserer Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, die in grundsätzlichen Fragen wortwörtlich an ihre Grenzen stößt“, hieß es in der Laudatio für den Autor bei der Verleihung des Jugendtheaterpreises.

„Die Figuren aus der Bürokratie werden Interviewt, sie reden sich dabei teils um Kopf und Kragen“, erzählt Regisseurin Bartkowiak. Es geht ihr allerdings nicht um eine Wertung. „Wir zeichnen auf der Bühne keine Karikaturen, wir diffamieren nicht.“ Dem Publikum wird ein Stück Wirklichkeit benannt, zu dem sich jeder selbst befragen muss. Dynamische Szenenwechsel und eine zarte Erzählweise mit musikalischen Akzenten, machen die schwere Kost des dramatischen Geschehens, nach Ansicht der Regisseurin für junge Menschen greifbar.

Autor Björn Bicker spricht über „Deportation Cast“ seine Recherchen zur Situation der Roma und seine dokumentarischen Projekte mit „Experten des Alltags“ am Freitagabend um 20 Uhr im Orchestersaal des Staatstheaters. Karten für diese Veranstaltung sind noch erhältlich. Die Premiere von „Deportation Cast“ am Sonntag ist ausverkauft.

Info:

Für die Premiere „Deportation Cast“ am Sonntag, 19. April um 16 Uhr im Glashaus des Mainzer Staatstheaters sind keine Karten mehr erhältlich. Weitere Vorstellungen am 23. und 29. April sowie am 4., 11. und 19 Mai. Weitere Termine folgen.

Bild: Staatstheater Mainz, Deportation Cast Denis Larisch, Kristina Gorjanowa [Foto: Andreas Etter]

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, am 24. April 2015 

 

Die-Ratten_1_Anika-Baumann_c_Bettina-Müller

Michael Pietsch: Schauspieler und Puppenbauer

Freundlich winkend stakst Adalbertchen über die Bühne im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters. Knapp fünf Meter über ihm bewegt sich eine fahrbare Brücke quer zum Raum hin und her. Ihr Tempo bestimmt Adalbertchens Laufschritt. Über Wohl und Wehe des Buben bestimmen Michael Pietsch, Schauspieler und seit dieser Spielzeit festes Ensemblemitglied am Staatstheater, ein kompliziert verstrebtes Spielkreuz das Pietsch in der rechten Hand hält und 16 knapp sechs Meter lange Fäden. Noch anderthalb Stunden bis sich der Vorhang für Gerhart Hauptmanns Milieudrama „Die Ratten“ hebt. Insgesamt 15 Puppen hat Pietsch unterstützt von den künstlerischen Abteilungen für die Produktion angefertigt. Adalbertchen, das tote Kind, wird gerade für die Vorstellung eingerichtet.

Michael Pietsch ist Schauspieler und wollte, so lange er sich erinnern kann auch nichts anderes sein. Puppenspiel und Puppenbau sind seine zweite Passion. Mit drei Jahren Kasperlefiguren unter dem Weihnachtsbaum, erste Versuche als Puppenbauer mit fünf und mit zehn die erste selbst geschnitzte Holzmarionette. Die dritte Konstante in Pietschs Schauspielerleben ist die Freundschaft zu Regisseur Jan-Christoph Gockel, die noch aus Teenagertagen als Statist am Kaiserslauterner Pfalztheater rührt. Der Schauspieler, die Marionetten und der Regisseur sind in der deutschsprachigen Theaterszene mittlerweile als Gespann bekannt, dass es schafft, neue Sichtweisen aus dramatischen Texten zu schälen. Am Mainzer Staatstheater so geschehen mit „Grimm“ (2013) und jetzt in „Die Ratten“.

Unter dem wuscheligen blonden Schopf kullern die blauen Augen von Adalbertchen, er winkt und lupft die Schultern possierlich in die Höhe. „Prima passt, ich muss jetzt in die Maske“ ruft Pietsch, gibt die Fäden aus der Hand und Adalbertchen klappt leblos zwischen zwei Stühlen in sich zusammen. Michael Pietsch könnte der Holzpuppe, an der er rund 150 Stunden gearbeitet hat vor Publikum die Fäden durchschneiden, die Finger abhacken – Tod und Brutalität so unmittelbar schockierend vorführen, wie es im Theater fast nicht möglich ist. „Die Puppen ziehen den Betrachter in Bann, üben eine ganz eigene Magie aus“, sagt er. „Ihr Geheimnis liegt darin, dass jeder weiß, dass er ein Stück Holz ohne Bewusstsein vor sich hat. Das macht sie zur Projektionsfläche für Zuschauerideen“.

Eine Produktion pro Spielzeit mit Puppen, eine zweite als Schauspieler hat Intendant Markus Müller ihm zugesagt. Beide kennen sich noch aus Oldenburg. Nach dem Schauspielstudium in Leipzig war Pietsch dort ab 2008 für drei Jahre engagiert. Und dort ist auch seine Liebe zum Puppenspiel neu entfacht. Als Abiturienten hatten er und Gockel in Kaiserslautern 2004 mit einer Marionettenrevue Aufsehen erregt. In Oldenburg trafen sie erneut aufeinander und in Markus Müller einen Verbündeten, der ihrer Idee vertraute, mit Marionetten das Theater anders auszuschöpfen. Es entstand mit Bertold Brechts „Baal“ die erste von mittlerweile sieben Inszenierungen des Gespanns Pietsch-Gockel. Dazwischen Stationen als Schauspieler und Aufträge für Marionetten wie jüngst am Opernhaus Zürich. Puppen und Schauspiel stehen nicht in Konkurrenz, die Kombination, sagt Pietsch eröffne ihm zusätzliche Möglichkeiten. „Dass man wie Frankenstein Menschen erschaffen kann, erzeugt ein hyprisches Glück, dass man mit Puppen Menschen rühren kann, ein Gefühl das süchtig macht“.

Als Förstersohn aufgewachsen in einem kleinen Ort bei Kirchheim-Bolanden weiß er, Holz ist bedächtig und fordert Ruhe. In der Einsamkeit der elterlichen Werkstatt, ohne Handyempfang lässt er seine Puppen aus groben Holzblöcken entstehen. Vertieft sich in Mimiken, kerbt charaktergebende Linien in ungehobelte Gesichter, schnitzt kleinste Gelenkteile und verfeinert Mechaniken wie Augenrollen oder Atmen so lange, bis die Seele von Mensch, Hase, Lama durchscheint. Je nach Inszenierung. „Jede Puppe entsteht aus der Reibung mit der Regie, dem Text und dem Thema“. Der Riese aus Grimm gehört mit über 4 Metern zu den größten. Im Augsburger Puppenmuseum „die Kiste“ sind derzeit die Marionetten aus der Bonner „Metropolis“ Produktion (2013) ausgestellt. Solange es mit Puppen noch Neues zu erzählen gibt, wird er auch Puppen bauen. Eine „Puppenfabrik“ will der Schauspieler jedoch niemals werden, als klassischer Puppenspieler nicht ganz hinter der Puppe verschwinden. „Ich habe das sehr in mir, dass ich selber spiele“.

Bild: Staatstheater Mainz, Die Ratten Anika Baumann [Foto: Bettina Müller]

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 21.03.2015

Mainzer Stadtschreiber 2015: Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu über die Bücher seines Lebens

Wer weit reisen will, aber nicht fliegen kann, sitzt viel in der Bahn. Wer Bücher schreibt aber keinen Computer will, muss auf unbequemeren Tasten tippen. Beide Entscheidungen rauben Zeit – oder schenken sie, je nach Sichtweise. Der neue Mainzer Stadtschreiber Feridun Zaimoglu hat sich für die jeweils ruhigere Gangart entschieden. Und das scheint ihm genau die Räume zu lassen, die er benötigt um sich ganz der Sprache hinzugeben und ihren Wert zu verfechten. Viel Bemerkenswertes über den Autor und sein Verhältnis zur Kraft des gedruckten Wortes, durfte das Publikum am Mittwochabend im KUZ bei der Aufzeichnung der SWR-Sendung „lesenswert“ erfahren.

Zaimoglu, der sein Amt in der vergangenen Woche angetreten hat, brauchte von seiner Stadtschreiberwohnung nur einen kurzen Fußmarsch entlang des Rheines zurück zu legen. „Mainz“, so verriet er im lockeren Plausch beim Soundcheck Moderatorin Felicitas von Lovenberg, „ist wirklich gut“. Und er sammelt Gartenzwerge, „die grimmigen, nicht die mit den freundlichen Gesichtern“.

Drei Bücher, die sein Leben prägten hatte Feridun Zaimoglu mitgebracht. Aus allen strotzt die Kraft der Sprache. Und so wie Zaimoglu die Literatur, die auf anderen Schreibmaschinen als seiner eigenen geschrieben wurde, mit biographischen Anekdoten aus seinem Leben verknüpfte, erlebte das Publikum eine regelrechte Verneigung vor echten, ungekünstelten Sprachstil.

Aufgewachsen im Arbeitermilieu des Münchner Stadtteils Moosach habe es ihn als Kind regelmäßig in die Bücherei verschlagen. Die Bücher dort eröffneten ihm „eine magische Welt“. Sein Lieblingsband: Die Bauerregeln, Bauernweisheiten, Bauernsprüche von Georg Haddenbach. „Das waren großartige deutsche Worte mit Klang, eine Sprache die mir sofort gefiel.“ In der archaischen Stärke der Bauernregeln habe er einen Spiegel gefunden für sein Kinderleben im Stadtteil. „Da war eine Welt, die Worte fand, für das was wir erlebten und wir erleben wollten“.

Jahre später, anderes Buch. Während einer Recherchereise in Budapest waren es Wolf Wondratscheks Gedichte aus „Die Einsamkeit der Männer“, von denen er „beglückt war wie ein Kind“. Als Machobuch habe er den Gedichtband nie gelesen. Und überhaupt, was das bedeute männlich zu sein? „Keine Ahnung was das ist.“

Mit dem weniger bekannten Lyriker Thomas Kunst verbrachte Zaimoglu einen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom. Dessen Gedichtband „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“, hat ihn nach einer durchfeierten Nacht umgehauen. „Ich kann keine Gedichte schreiben“, gab er zu. Umso größer die Begeisterung für den „verkannten Poeten“ Kunst. „Keine Bastelkunst, keine experimentelle Angeberlyrik, ich war ergriffen.“

Felicitas von Lovenberg sprach außerdem mit Kirsten Fuchs über deren Roman „Mädchenmeute“. In der zweiten Aufzeichnung erfuhr Moderator Denis Scheck von Matthias Politycki erhellendes und erheiterndes über den Marathonlauf und seinen Einfluss auf das Schaffen des Autors. Christoph Keller, Kunstverleger und Betreiber einer Brennerei für rund 200 verschiedene Spitzendestillate sprach über seine Beziehung zu den Asterix Heften und dem Roman „Segen der Erde“ von Knut Hamsun.

Info:

Die Sendungen werden am 19. März und 9. April jeweils um 23.15 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt und am 22. März sowie am 12. April um 8.45 wiederholt.

Bild: obs/ZDF/ZDF/Jana Kay

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 27. Februar 2015

Foto

Begegnung mit Matt Mullican

Matt Mullican sitzt auf der Treppe in der Mainzer Kunsthalle und nimmt sich die Zeit, seine Kosmologie zu erklären, ein komplexes System aus Farben, Piktogrammen und Schaubildern. Es geht ihm um Wahrnehmung und Wirklichkeit. Um die Erkenntnis, wie die Welt geordnet ist. Wie die Dinge in ihr zueinander in Verbindung stehen.

Es ist Montag, in vier Tagen, am Donnerstag, wird Mullicans Ausstellung „Books Representing Books“ eröffnet. Mehr Skizzen, Notizbücher, Textbausteine und Bildersammlungen gab es von dem 1951 im kalifornischen Santa Monica geborenen Künstler bislang noch nirgends zu sehen. Er gehört zu den international hoch geachteten Konzeptkünstlern der Gegenwart. „Ein Superstar“, wie Thomas D. Trummer, künstlerischer Leiter der Kunsthalle sagt, „der sich für Mainz sehr viel Zeit nimmt“. Viermal war er in den vergangenen Wochen schon vor Ort.

Tausende von Blättern sind mittlerweile so gereiht worden, wie es die Logik in Mullicans Universum zwingend erfordert. Lose Blätter sind für ihn eine andere Präsentationsform des Buches, auch sie verlangen nach Chronologie. Dazu gehören comichafte Kugelschreiberskizzen auf Rechenblättern, Blätter mit Internetfotografien und riesige Wortfolgen auf Bettlaken gepinselt.

Mullican sitzt auf den Stufen, erklärt seine Kosmologie am Beispiel eines Schlüsselbundes, im Augenwinkel verfolgt er die Aufbauarbeiten um ihn herum. Wie viele, der zuletzt 1995 in der Berliner Nationalgalerie gezeigten Glaskugeln passen wohl in eine Ausstellungsvitrine? Er behält das rege Treiben um ihn herum im Blick. „Twenty? Perfect!“, stellt er mitten im Satz zufrieden fest und erzählt weiter.

Sein Kosmos ist ein hierarchisch geordnetes Modell vom Gedanklichen zum Gegenständlichen. „Give me your Keys“ sagt er und beschreibt dann so bildhaft, wie er es vor Studierenden in New York, Amsterdam, London, Hamburg und Frankfurt sicher schon unzählige Male getan hat: Ein Schlüsselbund in einer superheißen Atombratpfanne wird zum Nichts. Das ist die unterste Ebene, die der Materialität. Ihre Farbe ist grün. „Gerade eben in Ihrer Handtasche waren die Schlüssel noch real und funktionstüchtig, sie befanden sich in der ungerahmten Welt und die ist blau“. Wird der Schlüssel zum Kunstobjekt, weil die Besitzerin behauptet es sei der Schlüssel von Elvis Presley gewesen, wandert er als Symbol in die gerahmte, gelbe Welt der Kunst. Sobald darüber gesprochen wird, etwa auf Auktionen, ist die Grenze zu Sprache und Zeichen überschritten. Die Farben sind schwarz und weiß. „Und jetzt sage ich Ihnen, dass ich Schlüssel hasse, dann sind wir oben im roten Bereich des Subjektiven angelangt.“ Mullicans Welt lässt sich so dechiffrieren und er führt hinreißend erklärend und erzählend weiter durch seine Ausstellung.

In der Mitte, wartet ein Labyrinth aus beschriebenen Bettlaken. „Das war Er“. „He“, das ist sein Ich unter Hypnose, sein schräges Alter-Ego. „He’s a little bit crazy“, lächelt der Künstler denn auch. Die seit den 1970ger Jahren entstandenen Performance-Kunstwerke enthalten Botschaften aus Mullicans Unterbewusstsein. Und das zeigt sich auf eine einfache und plausible Weise bedürfsnissorientiert: Feiertage, Frühstück, Kaffee. Hier geht es um das, was „Er“ mag. „Gibt der Künstler die Kontrolle ab, erscheint sein banales Ich“, sagt Thomas D. Trummer. Ein frühes Hypnose-Werk basiert auf einem Liedtext von Joan Baez. Mullican rezitiert die Strophen noch und verabschiedet sich dann, um aus über 50 mitgebrachten Notizbüchern weitere Seiten für die noch leeren Vitrinen zu wählen.

Info:

Die Ausstellung Matt Mullican „Books representing Books“ wird am Donnerstag den 20. November um 19 Uhr in der Kunsthalle eröffnet. Sie läuft bis zum 22. Februar 2015.

Bild: Kunsthalle Mainz

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 19. November 2014

9783455310184

Optimistischer Arbeitsminimalist

Als Romanfigur von Wolf Haas hat man es nicht leicht. Weil nichts verlässlich ist. Reicht es ihm nicht, dass Privatdetektiv Simon Brenner innerhalb von drei Serienbänden aus dem beschaulichen Bergdorf heraus in die Großstadt Stadt Wien verpflanzt wurde. Und nicht außerdem, dass diesem schon zweimal innerhalb von zwanzig Jahren und sieben Bänden der Ruhestand versprochen wurde. Muss er jetzt noch in James-Bond-Manier mit dem Motorrad durch die Mongolei geschickt werden?

Ja, das mache ihm schon moralische Probleme, wie er mit dem Brenner umgehe, gesteht dessen Erschaffer. Immerhin. Mit „Brennerova“, dem jüngsten Band der Krimi-Serie um den eigenwilligen Privatdetektiv ist der in Wien lebende Autor Wolf Haas derzeit auf Lesetour. Am Donnerstagabend sprach er bei der Aufzeichnung für die SWR-Sendung „lesenswert“ im KUZ mit Moderator Denis Scheck über die schriftstellerische Pflege minimalster Leistungsanforderungen und wie daraus hochgelobte Spitzenkrimis entstehen.

„Ich kann eigentlich nur sehr schlecht viel lesen“, gestand Haas. Denis Scheck, der zu den gepfeffertsten und wortwendigsten Literaturkritikern Deutschlands zählt, feierte in der Sendung als Nachfolger von Thea Dorn seine Premiere. „Ihre Romane sind Sprachkurs und ganz große Literatur in meinen Augen“, meinte Scheck zu Haas. Der so Gelobte wiegelte lässig ab. Der schnodderige, humorige Brenner-Ton, so unverwechselbar eigentümlich, sei nichts anders als das Resultat seiner eigenen zweckoptimistischen Haltung. Der Leser müsse gehalten werden. Also gehört eine Sprache ins Buch, die den hermetischen Buchton aufbricht und dem gesprochenen Wort Platz macht.

In die Schriftstellerei ist Haas als Texter von Werbeslogans geschlittert, die es in Österreich zu einiger Bekanntheit gebracht hatten. Im Texten erhoffte er sich seinerzeit einen Bereich „mit minimalsten Leistungsanforderungen“ gefunden zu haben. Und weil das so gut flupp8te, kamen ihm längere literarische Gattungen in den Sinn. „Ach, so einen Krimi werde ich wohl immer noch schaffen.“ Gemütlich, nicht aus der Ruhe zu bringen und selbstverständlich selbstironisch gibt sich der Autor. Seinen Romanhelden lässt er dafür einiges aushalten. Brenner, mittlerweile fast im Rentenalter, stolpert und hetzt in „Brennerova“ durch Scheinehe, Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Koch, Autor und Verleger Vincent Klink sprach im Anschluss mit Scheck über die drei Bücher seines Lebens. In der zweiten Aufzeichnung des Abends sprach Moderatorin Felicitas von Lovenberg mit Olga Grjasnowa über deren jüngsten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“. Kunstvermittler Christoph Graf Douglas machte in den Büchern seines Lebens Lust darauf Geothes „Wahlverwandtschaften“ mal wieder in die Hand zu nehmen.

Info:

Die Sendung mit Denis Scheck wird am 11. September um 23.15 Uhr und am 14. September um 8.45 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Sendung mit Felicitas von Lovenberg zu den gleichen Uhrzeiten am 25. September sowie am 28. September.

Bild: Umschlagcover “Brennerova” Hoffmann & Campe

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, am 8. September 2014

IMG_2594

Schott Music in Mainz veröffentlicht neben Klassik auch Fastnachtsmusik

09.02.2013

Von Michaela Paefgen-Laß

Mainz. Fastnacht und Ballett, das passt zusammen wie zwei Kärtchen beim Memoryspiel. Narrhallamarsch und Büttenrede ebenfalls. Undenkbar das eine ohne das andere.

Was aber hat der Mainzer Narrhallamarsch mit dem romantischen Ballett „Giselle“ zu tun – wenn Letzteres nicht gerade von einer Männertanzgruppe in Tutu verballhornt wird? Banal und doch überraschend: Beide stammen vom gleichen Komponisten. Eigentlich. Denn Adolphe Adam, der im Paris des beginnenden 19. Jahrhunderts leichte Ballettmusiken und komische Opern wie am Fließband produzierte, hatte sicher nicht die Mainzer Saalfastnacht im Sinn, als er seine Opéra Comique „Le Brasseur de Preston“ um einen hübschen, gefälligen Militärmarsch komplettierte.

Das war 1838, im Gründungsjahr des Mainzer Carneval-Verein e.V. (MCV). Dem Startschuss der modernen Fastnacht. Die Oper ist längst vergessen. Den Militärmarsch hat MCV-Gründungsmitglied Karl Zulehner, gebürtiger Mainzer und kaiserlich-königlicher Regimentskapellmeister, quasi gerettet… (weiterlesen)

(Erschienen am 09. Februar 2013 im Feuilleton von Allgemeine-Zeitung Mainz und Wiesbadener Kurier)

Arnold Schönberg

Im Sommer 1899…

…verbrachte der damals 24-jährige Komponist Arnold Schönberg die Tage mit seinem Freund Alexander von  Zemlinsky in der Nähe von Wien. Dort verliebte er sich prompt in Mathilde,  die jüngere Schwester des Freundes.

Verklärte Nacht

Verliebt und inspiriert begann der junge Komponist sofort an seiner, wie er später selbst sagte, ersten vollgültigen Tondichtung zu arbeiten. Dem Streichsextett “Verklärte Nacht” nach einem Gedicht von Richard Dehmel.

Bei der Komposition von Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ leitete mich die Absicht, in der Kammermusik jene neuen Formen zu versuchen, welche in der Orchestermusik durch Zugrundelegen einer poetischen Idee entstanden sind.

Die Dichtung Dehmels erzählt von einer dramatischen Paarbeziehung vor der romantischen Kulisse einer Vollmondnacht. Den jungen Schönberg reizte an dem Gedicht die neue unbürgerliche Moral, die Idee  des Eros und der Liebe, die alle Konvention Beiseite schiebt um in einer eigenen hochmoralischen menschlichen Haltung gipfeln zu können.

Musikalische Naturdichtung

Schönberg übernimmt aus dem Gedicht die Stimmungen und Emotionen, die er programmmusikhaft in Tonsprache übersetzt.  Anders als seine Zeitgenossen schildert er in seiner Sinfonischen Dichtung keinen Handlungsablauf, sondern lässt die Musik ausschließlich die Gefühle des Paares und die sie umgebende Natur nachzeichnen.

Als spätromantisches Werk ist die “Verklärte Nacht” noch in der Tonalität verwurzelt, steht aber gleichzeitig an der Schwelle zu den Neuerungen des 20. Jahrhunderts,  in dem der Name Schönberg mit Atonalität und Zwölftonmusik in einem Atemzug genannt werden wird.

Sextett oder Orchesterfassung?

Die “Verklärte Nacht” ist eines der schönsten und tiefgründigsten Musikstücke die jemals komponiert wurden. Man kann ssehr darüber debattieren, ob die beiden Orchesterfasseungen (1917 und 1943) mit ihrer dimensionierten Instrumentierung die dichte Gefühlswelt des Werkes und seine Ekstase nicht sogar noch verstärken. Das Klare, das Zerbrechliche, das mit wenigen Stimmen deutlich Gesagte des Sextetts verleiht der Urfassung meiner Meinung nach eine reinere unverfälschtere Tiefe.


 

Verklärte Nacht

(Richard Dehmel, 1896)

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen,
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag ein Kind, und nit von dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen;
ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensfrucht, nach Mutterglück
und Pflicht – da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt,
nun bin ich dir, o dir begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt,
sie schaut empor, der Mond läuft mit;
ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um Alles her,
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich;
die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir, von mir gebären,
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er fasst sie um die starken Hüften,
ihr Atem mischt sich in den Lüften,
zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.