Musik

Ein Totentanz für die Opfer

24.04.2012 – MAINZ

SYNAGOGE Konzert zeichnet „Bilder aus dem jüdischen Leben“ / Dunkle Klage und Kindermelodien

(mpl). Einen kurzen Augenblick herrscht Schweigen im Konzertsaal der Mainzer Synagoge. Der Eindruck von Dimitri Schostakowitschs Kla-viertrio e-moll op 67 hallt im Raum nach. „Bilder aus dem jüdischen Leben“, so lautete der Titel des vorangegangenen Konzerts, zu dem die Anni Eisler-Lehmann-Stiftung eingeladen hatte.

Im Zentrum des musikalischen Geschehens stand der Stipendiat der Stiftung, Igor Tsinman. Der aus Russland stammende Violinist wird derzeit an der Mainzer Musikhochschule ausgebildet.

Für das Konzert stellte er ein Programm aus Klaviertrios des 20. Jahrhunderts zusammen, die Motive des jüdischen Lebens und der jüdischen Musik verarbeiten.

Kompositionen, die unter dem Eindruck der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges stehen, können keine leichte Kost sein. Doch Igor Tsinman, Bekhzid Abdullaev (Klavier) und Diego Hernandez Suarez (Cello) zeigten sich durchweg nicht nur als versierte Techniker und bestens aufeinander abgestimmtes Trio. Auch ließen sie sich weder von der komplexen Musik beeindrucken, noch gaben sie sich dem Pathos und dem Sentimentalen hin. Stattdessen setzten sie aller Ernsthaftigkeit zum Trotz auf einen jungendlichen und frischen Gesamteindruck.

Auf das Programm stimmten die in den 1920-ger Jahren entstanden „Nocturnes“ und „Bilder aus dem Chassidischen Leben“ von Ernest Bloch ein. Als die Nachrichten der ersten Gräueltaten der Nationalsozialisten die Sowjetunion erreichten, komponierte der aus russisch-jüdischer Familie stammende Mikhail Gnesin 1943 das Klaviertrio „Requiem für unsere verlorenen Kinder“ op 63. Das einleitende Pizzicato in Violine und Cello zeichnet den Gang zu einer Beerdingung nach. Immer wieder flackern einfache kindhafte Motive in den Streicherstimmen auf, die sich gegen das Klavier durchsetzen müssen und schließlich wütend zerrissen werden.

Nach der Pause dann Schostakowitsch. In dem 1944 komponierten Klaviertrio e-Moll, op. 67 trauert er stellvertretend für alle Opfer des Zweiten Weltkrieges um seinen Freund, den Musikwissenschaftler Ivan Sollertinsky. Der erste Satz beginnt mit einem sehr hohen Flageolett im Cello, über das sich tiefe, klare Töne der Geige legen. Der zweite Satz, ein schwindelerregend schnelles Scherzo, gleicht einem immer hysterischen werden Totentanz, der durch abrupte Akkorde beendet wird.

Die Trauer um die Toten findet im dritten Satz, dem Largo, in den tragischen und schweren Klängen des Klaviers ihren Ausdruck. Hoffnung flackert schließlich im vierten Satz auf. Hier verweben sich Geige und Cello nach einer Referenz auf das Thema des ersten Satzes in einem wütenden Militärmarsch, der am Ende überwunden wird durch die Hoffnung machenden finalen Dur-Akkorde.

(geschrieben für: Allgemeine Zeitung Mainz, 24. April 2012)

(Bildnachweis: © Manuel Herz Architekten, Jüdische Gemeinde Mainz)