Michaela Paefgen-Laß

Villers-sur-Mer: Die Normandie zwischen fossilen Klippen und Belle Époque entdecken

Ich besitze jetzt einen Regenhut. Ein Bucket Hat in Altrosa. Er lässt sich wenden. Eine Seite festes Leinen. Die andere Seite PU-beschichtet mit aufgedrucktem Windowpane-Karo. Er ist meine Erinnerung an einen regnerischen Tag entlang der Route du Cidre in der Normandie. Begeistert gekauft in einem Lädchen im malerischen Beuvron-en-Auge, erinnert er mich jetzt an ruhige Tage in der Normandie und daran, dass sich manche Kleidungsstücke einfach nicht vom Urlaub in den Alltag übertragen lassen. Anders: ein hellblaues Leinenhemd vom Markt in Villers-sur-Mer an der normannischen Côte Fleurie. Das trage ich beim Schreiben dieser Zeilen.

Ende Juli, eine Bank an der Promenade Claude Lelouch, Villers-sur-Mer. Abend. Die Sonne verabschiedet sich rostrot über dem breiten Strand. Das Meer hat sich weit zurückgezogen. Im Abendlicht erinnern die über das Watt gestreuselten, mit Moos und Algen bewachsenen Kreidebrocken an eine in Sand und Schlick grasende Kuhherde. Das fanden vor langen Jahren auch normannische Fischer. Falaises de Vaches Noires heißt der Küstenabschnitt seither, der sich von hier über fünf Kilometer ins benachbarte Houlgate erstreckt. Wegen des Gesteins, das sich von den schwarzen Klippen abgelöst hat und ins Meer gefallen ist; wegen der Fantasie der Fischer.

Die Falaises de Vaches Noires:
Wo Fossilien auf Filmgeschichte treffen

Die Falaises von Villers-sur-Mer sind brüchig und halten der Erosion kaum stand. Sie zu betreten ist nicht erlaubt. Die fragile Steilküste – in Jahrmillionen aus verschiedenen Boden- und Gesteinsarten aufeinander geschichtet – rutscht und bröselt ins Meer, schüttet ihren fossilen Reichtum dort hinein. Bei Ebbe verwandelt sich der Strand vor den Klippen in einen aus Zeit und Raum gefallenen Anziehungspunkt für Fossiliensammler, Maler und Fotografen. Wer hier geht, steht und sitzt, tritt vorsichtiger, schaut genauer, atmet geduldiger.

Zurück zur Bank an der Uferpromenade. Sie ist nach dem Mann benannt, der in Villers mit einem Jahr das Laufen gelernt haben will, dem französischen Filmregisseur Claude Lelouch. Egal, wie unentschlossen das Wetter in diesen beiden Juliwochen tagsüber zwischen es-könnte-regnen und überwiegend-sonnig wechselt, am Abend reißt der Himmel auf. Ein Regenhut ist nicht mehr nötig, während ich dort sitze und auf die ferne Linie zwischen Himmel und Meer schaue, die sich in der Seefahrt Kimme nennt und abends einer Ameisenstraße gleicht, auf der sich Kreuzfahrtriesen zwischen hochbeladenen Containerschiffen einreihen.

Eine Stunde geschenkte Zeit an der normannischen Küste

In direkter Linie beträgt laut Google Maps die Entfernung von hier quer übers Meer ins englische Peacehaven, ein Städtchen zwischen den Seebädern Brighton und Eastbourne, rund 87,5 Seemeilen, also 162 Kilometer. Von dort erstreckt sich der Nullmeridian über den Ärmelkanal und trifft in Villers-sur-Mer erstmals aufs europäische Festland. Die eine Stunde, die wir unsere Uhren genau genommen von der Mitteleuropäischen Sommerzeit auf die Greenwich Mean Time zurückstellen müssten: geschenkt. In Frankreichs Westen dauert es eben länger, bis der Abend in der Nacht verschwunden ist.

Und so genießen wir auf unserer Stammbank ausgedehnte Dämmerungen. Ich schaue aufs Meer, wende die Regenseite meines Hutes auf die unbeschichtete Sonnenseite, beobachte die Menschen und höre dem Mann an meiner Seite zu, der mir aus „Die Verkrempelung der Welt“ von Gabriel Yoran vorliest. Menschen gehen vorbei. Mit Hunden an der Leine. Kindern an der Hand. Auf Gehhilfen gestützt. Villers-sur-Mer ist kein Ort für Chichi. Dafür gibt es das mondäne Deauville wenige Kilometer strandaufwärts oder das elegische Cabourg wenige Kilometer strandabwärts. Von da baute die findige Coco Chanel ihr Imperium aus. Dort verkroch sich Marcel Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Der Strand von Villers unterdessen befindet sich au centre du monde und verhält sich trotzdem still.

Dorfidyll statt Grandhotel-Glamour

Rund zweieinhalbtausend Menschen leben ganzjährig in Villers-sur-Mer. Zwei, drei Straßen mit Restaurants und kleinen Geschäften. An zwei Tagen in der Woche Bauernmarkt mit Fisch, Obst, Gemüse, Kleidung und Schmuck. Der Strand ist weitläufig und selten überfüllt. An seinem einen Ende, nahe den Felsen, eine Strandbar und eine Segelschule. Am anderen Ende, Richtung Deauville, etwas Kinderbelustigung, dazwischen ein Mini-Pool zum Schwimmenlernen und ein kleines Amphitheater für gelegentliche Strandkonzerte.

Zwischen Strand und Promenade reihen sich die typischen weißen Badehäuschen. Dahinter türmen sich den steilen Ort hinauf elegante normannische Fachwerkvillen. Relikte der Belle Époque, als sich die feine Pariser Gesellschaft, die Fischerdörfer an der Côte Fleurie zum Laufsteg und 21. Arrondissement machte. Grandhotels, Rennbahnen und Casinos ziehen bis heute die High Society in die Seebäder. Villers aber ist trotz seiner im Sommer belebten Villenviertel ein beschauliches Dorf geblieben.

Das Villers-Gefühl: Niemals zu heiß, selten zu voll

Die schwarzen Klippen mit ihrem paläontologischen Reichtum haben dem Ort das Museum Paléospace beschert und zwei Dinoriesen aus Pflanzen vor der Touristeninformation. Fossilien aus dem Jura, Knochenfunde eines fünf Meter großen Dinosauriers – Villers sammelt seine Vergangenheiten. Auch die jüngere. Seit Mai säumt die Freiluftausstellung „Claude Lelouch, itinéraire d’un enfant gâté“ die Promenade. Sie zeigt bis November Aufnahmen von Dreharbeiten in Villers und der Region. Lelouch ist von Kindheit an seiner normannischen Mutter wegen mit diesem Landstrich verwachsen. Von „Un homme et une femme“ (1966) bis zu „Finalement“ von 2024 hat er Villers, Deauville und andere Schauplätze an der Côte Fleurie in seinen Filmen verewigt.

Während einer Normandie-Rundreise vor wenigen Jahren haben wir uns in Villers-sur-Mer verliebt. Hier ist es niemals zu heiß und selten zu voll. Hier lässt sich mit einer Jeans, einer Shorts, einem Leinenhemd und einem Regenhut gut über den Sommer kommen. Deauville ist zum Schlendern und Schauen da. Zum Samstag auf der Pferderennbahn verbringen, zum Hoffen, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben. Das Hinterland des Calvados bietet Wälder und Wiesen zum Wandern. Käsereien und Calvados-Brennereien mit Direktverkostung. Villers bedeutet zur Ruhe kommen: am Strand, der Promenade, beim Boulespiel und im Café de la Poste. Das ist die Bar Tabac im alten Ortskern zwischen Meer und Markt, wo es sich bei einem gut gekühlten Glas Rosé entspannt dem Urlaub der anderen zuschauen lässt.

Je suis très amoureux de la Normandie. Je l'ai souvent filmée depuis "Un homme et une femme" jusqu'à "Finalement", mon dernier film en date. Vous savez, les histoires d'amour durent rarement. Et mon histoire d'amour avec le cinéma et la Normandie me paraissent éternels. Alors tant que je respire, tant que je suis encore vivant, j'en profite. Villers sur Mer, c'est là où j'ai appris à marcher en 1938, quand j'avais un an. Ma mère était normande, mon père était d'Alger, ce qui fait que je suis parisien : je suis donc marié à Paris, mais la Normandie c'est ma maîtresse. J'adore venir ici et je vais y venir de plus en plus en plus. (ClaudeLelouch, ICI, 2. Mai 2025)
Promenade Claude Lelouch Villers-sur-Mer

Meine persönliche Checkliste für die Côte Fleurie

Einkaufsliste Normandie-Käseplatte (2 Personen)

Bilder: alle Michaela Paefgen-Laß / Links: alle unbezahlt

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Michaela Paefgen-Laß

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