Lieblingsstücke, Theater

Michael Pietsch: Schauspieler und Puppenbauer

Freundlich winkend stakst Adalbertchen über die Bühne im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters. Knapp fünf Meter über ihm bewegt sich eine fahrbare Brücke quer zum Raum hin und her. Ihr Tempo bestimmt Adalbertchens Laufschritt. Über Wohl und Wehe des Buben bestimmen Michael Pietsch, Schauspieler und seit dieser Spielzeit festes Ensemblemitglied am Staatstheater, ein kompliziert verstrebtes Spielkreuz das Pietsch in der rechten Hand hält und 16 knapp sechs Meter lange Fäden. Noch anderthalb Stunden bis sich der Vorhang für Gerhart Hauptmanns Milieudrama „Die Ratten“ hebt. Insgesamt 15 Puppen hat Pietsch unterstützt von den künstlerischen Abteilungen für die Produktion angefertigt. Adalbertchen, das tote Kind, wird gerade für die Vorstellung eingerichtet.

Michael Pietsch ist Schauspieler und wollte, so lange er sich erinnern kann auch nichts anderes sein. Puppenspiel und Puppenbau sind seine zweite Passion. Mit drei Jahren Kasperlefiguren unter dem Weihnachtsbaum, erste Versuche als Puppenbauer mit fünf und mit zehn die erste selbst geschnitzte Holzmarionette. Die dritte Konstante in Pietschs Schauspielerleben ist die Freundschaft zu Regisseur Jan-Christoph Gockel, die noch aus Teenagertagen als Statist am Kaiserslauterner Pfalztheater rührt. Der Schauspieler, die Marionetten und der Regisseur sind in der deutschsprachigen Theaterszene mittlerweile als Gespann bekannt, dass es schafft, neue Sichtweisen aus dramatischen Texten zu schälen. Am Mainzer Staatstheater so geschehen mit „Grimm“ (2013) und jetzt in „Die Ratten“.

Unter dem wuscheligen blonden Schopf kullern die blauen Augen von Adalbertchen, er winkt und lupft die Schultern possierlich in die Höhe. „Prima passt, ich muss jetzt in die Maske“ ruft Pietsch, gibt die Fäden aus der Hand und Adalbertchen klappt leblos zwischen zwei Stühlen in sich zusammen. Michael Pietsch könnte der Holzpuppe, an der er rund 150 Stunden gearbeitet hat vor Publikum die Fäden durchschneiden, die Finger abhacken – Tod und Brutalität so unmittelbar schockierend vorführen, wie es im Theater fast nicht möglich ist. „Die Puppen ziehen den Betrachter in Bann, üben eine ganz eigene Magie aus“, sagt er. „Ihr Geheimnis liegt darin, dass jeder weiß, dass er ein Stück Holz ohne Bewusstsein vor sich hat. Das macht sie zur Projektionsfläche für Zuschauerideen“.

Eine Produktion pro Spielzeit mit Puppen, eine zweite als Schauspieler hat Intendant Markus Müller ihm zugesagt. Beide kennen sich noch aus Oldenburg. Nach dem Schauspielstudium in Leipzig war Pietsch dort ab 2008 für drei Jahre engagiert. Und dort ist auch seine Liebe zum Puppenspiel neu entfacht. Als Abiturienten hatten er und Gockel in Kaiserslautern 2004 mit einer Marionettenrevue Aufsehen erregt. In Oldenburg trafen sie erneut aufeinander und in Markus Müller einen Verbündeten, der ihrer Idee vertraute, mit Marionetten das Theater anders auszuschöpfen. Es entstand mit Bertold Brechts „Baal“ die erste von mittlerweile sieben Inszenierungen des Gespanns Pietsch-Gockel. Dazwischen Stationen als Schauspieler und Aufträge für Marionetten wie jüngst am Opernhaus Zürich. Puppen und Schauspiel stehen nicht in Konkurrenz, die Kombination, sagt Pietsch eröffne ihm zusätzliche Möglichkeiten. „Dass man wie Frankenstein Menschen erschaffen kann, erzeugt ein hyprisches Glück, dass man mit Puppen Menschen rühren kann, ein Gefühl das süchtig macht“.

Als Förstersohn aufgewachsen in einem kleinen Ort bei Kirchheim-Bolanden weiß er, Holz ist bedächtig und fordert Ruhe. In der Einsamkeit der elterlichen Werkstatt, ohne Handyempfang lässt er seine Puppen aus groben Holzblöcken entstehen. Vertieft sich in Mimiken, kerbt charaktergebende Linien in ungehobelte Gesichter, schnitzt kleinste Gelenkteile und verfeinert Mechaniken wie Augenrollen oder Atmen so lange, bis die Seele von Mensch, Hase, Lama durchscheint. Je nach Inszenierung. „Jede Puppe entsteht aus der Reibung mit der Regie, dem Text und dem Thema“. Der Riese aus Grimm gehört mit über 4 Metern zu den größten. Im Augsburger Puppenmuseum „die Kiste“ sind derzeit die Marionetten aus der Bonner „Metropolis“ Produktion (2013) ausgestellt. Solange es mit Puppen noch Neues zu erzählen gibt, wird er auch Puppen bauen. Eine „Puppenfabrik“ will der Schauspieler jedoch niemals werden, als klassischer Puppenspieler nicht ganz hinter der Puppe verschwinden. „Ich habe das sehr in mir, dass ich selber spiele“.

Bild: Staatstheater Mainz, Die Ratten Anika Baumann [Foto: Bettina Müller]

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 21.03.2015