Literatur, Menschen

Optimistischer Arbeitsminimalist

Als Romanfigur von Wolf Haas hat man es nicht leicht. Weil nichts verlässlich ist. Reicht es ihm nicht, dass Privatdetektiv Simon Brenner innerhalb von drei Serienbänden aus dem beschaulichen Bergdorf heraus in die Großstadt Stadt Wien verpflanzt wurde. Und nicht außerdem, dass diesem schon zweimal innerhalb von zwanzig Jahren und sieben Bänden der Ruhestand versprochen wurde. Muss er jetzt noch in James-Bond-Manier mit dem Motorrad durch die Mongolei geschickt werden?

Ja, das mache ihm schon moralische Probleme, wie er mit dem Brenner umgehe, gesteht dessen Erschaffer. Immerhin. Mit „Brennerova“, dem jüngsten Band der Krimi-Serie um den eigenwilligen Privatdetektiv ist der in Wien lebende Autor Wolf Haas derzeit auf Lesetour. Am Donnerstagabend sprach er bei der Aufzeichnung für die SWR-Sendung „lesenswert“ im KUZ mit Moderator Denis Scheck über die schriftstellerische Pflege minimalster Leistungsanforderungen und wie daraus hochgelobte Spitzenkrimis entstehen.

„Ich kann eigentlich nur sehr schlecht viel lesen“, gestand Haas. Denis Scheck, der zu den gepfeffertsten und wortwendigsten Literaturkritikern Deutschlands zählt, feierte in der Sendung als Nachfolger von Thea Dorn seine Premiere. „Ihre Romane sind Sprachkurs und ganz große Literatur in meinen Augen“, meinte Scheck zu Haas. Der so Gelobte wiegelte lässig ab. Der schnodderige, humorige Brenner-Ton, so unverwechselbar eigentümlich, sei nichts anders als das Resultat seiner eigenen zweckoptimistischen Haltung. Der Leser müsse gehalten werden. Also gehört eine Sprache ins Buch, die den hermetischen Buchton aufbricht und dem gesprochenen Wort Platz macht.

In die Schriftstellerei ist Haas als Texter von Werbeslogans geschlittert, die es in Österreich zu einiger Bekanntheit gebracht hatten. Im Texten erhoffte er sich seinerzeit einen Bereich „mit minimalsten Leistungsanforderungen“ gefunden zu haben. Und weil das so gut flupp8te, kamen ihm längere literarische Gattungen in den Sinn. „Ach, so einen Krimi werde ich wohl immer noch schaffen.“ Gemütlich, nicht aus der Ruhe zu bringen und selbstverständlich selbstironisch gibt sich der Autor. Seinen Romanhelden lässt er dafür einiges aushalten. Brenner, mittlerweile fast im Rentenalter, stolpert und hetzt in „Brennerova“ durch Scheinehe, Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Koch, Autor und Verleger Vincent Klink sprach im Anschluss mit Scheck über die drei Bücher seines Lebens. In der zweiten Aufzeichnung des Abends sprach Moderatorin Felicitas von Lovenberg mit Olga Grjasnowa über deren jüngsten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“. Kunstvermittler Christoph Graf Douglas machte in den Büchern seines Lebens Lust darauf Geothes „Wahlverwandtschaften“ mal wieder in die Hand zu nehmen.

Info:

Die Sendung mit Denis Scheck wird am 11. September um 23.15 Uhr und am 14. September um 8.45 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Sendung mit Felicitas von Lovenberg zu den gleichen Uhrzeiten am 25. September sowie am 28. September.

Bild: Umschlagcover „Brennerova“ Hoffmann & Campe

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, am 8. September 2014