Musik

Wilder Virtuose im Piraten-Look

03.05.2012 – MAINZ

Von Michaela Paefgen-Lass

MEISTERKONZERT Geigen-Star Nemanja Radulovic begeistert mit Auftritt in der Rheingoldhalle

Als „Rockstar“ unter den Violinvirtuosen und junger Geiger mit „Hexenkünsten“ war Nemanja Radulovic angekündigt worden. Als der in Serbien geborene Musiker nach der Pause beim 7. Meisterkonzert die Bühne in der Rheingoldhalle betrat, hatte das Publikum einen aus der Riege jener exzentrischen Klassikstars vor sich, die zunächst einmal durch ihr Äußeres auffallen.

Schwarze Lockenmähne und Rüschenhemd

Die lange schwarze Lockenmähne kaum gebändigt, enge Jeans, Schnürstiefel, Rüschenhemd und Piratenjacke: alles schwarz, versteht sich. Zuvor hatten die Musiker der deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter dem äußerst bildhaften, stets in die Tiefe der Musik dringenden Dirigat von George Pehlivanian mit der Sinfonie C-Dur von Paul Dukas das Publikum in einen wahren Rausch der musikalischen Ereignisse gerissen. Schon jetzt war der Titel des Programms „Phantastischer Wirbel“ längst umgesetzt. Es wurde also spannend. Sollte nun einer kommen, der dem ganzen noch die Krone aufsetzen konnte?

Das Violinkonzert in h-moll, von Camille Saint-Saens ist das populärste, gleichzeitig technisch anspruchsvollste unter den drei Violinkonzerten des spätromantischen Franzosen. Gewidmet ist das schwierige Werk dem spanischen Geiger Pablo de Sarasate. Eine hervorragende Vorlage liefert es jenen Geigern, die ihre Spielfertigkeit, ihr Virtuosentum präsentieren wollen.

Der Anspruch liegt darin, dass alles maximal leichtfüßig und charaktervoll klingen soll. Nemanja Radulovic stellte sich dem mit unbekümmerter Selbstverständlichkeit: Wild und resolut in den schnellen Passagen des ersten Satzes. Träumerisch, schwelgend im Dialog mit den Holzbläser-Soli im Mittelsatz und glutvoll auftrumpfend im Finale. Mit sichtbarem Vergnügen an der Darstellung zeigten sie dem Publikum ihr musikalisches Meister-Zauberlehrling-Bravourstück. „Nicht übermütig werden“, schien aus dem wohlwollend die Zügel anziehenden und lockernden Taktstock zu sprechen. Spitzbübisch leistete der Violinist dem Folge, gab sich scheinbar brav, um dann im nächsten Augenblick wieder triumphierend aufzuspielen.

Wiener Walzer in seine Strukturen zerlegt

Das Orchester schloss sich diesem Dialog mit deutlicher Freude am Farben- und Formenreichtum der Musik an. Mit der choreographischen Dichtung „La Valse“ von Maurice Ravel, einem dreizehnminütigen musikalischen Taumel, der den Wiener Walzer in seine Strukturen zerlegt und schließlich zur völligen Auflösung bringt, spielten die Staatsphilharmoniker nach dem Abgang des „Zauberlehrlings“ zu einem grandiosen Schlusswirbel auf.

(geschrieben für: Allgemeine Zeitung Mainz, 03. Mai  2012)

(Bildnachweis: Pressebild über Mainz Klassik)