Musik

Die Magie langer Melodiebögen

01.05.2012 – MAINZ

Von Michaela Paefgen-Lass

JUBILÄUMSKONZERT „Sinfonietta“ spielt zum 40-jährigen Bestehen Beethoven und Dvorák

Manchmal sind Synonyme gefordert, um Wortwiederholungen zu umgehen. Im Fall von Sinfonietta Mainz, das als Nachfolger des Philharmonischen Orchestervereins mit einem Jubiläumskonzert in der Phönixhalle sein 40-jähriges Bestehen feierte, ist die Suche nach dem treffenden Synonym nicht einfach. „Laien- oder Feierabendorchester“ sind wenig geeignet, die musikalisch gut aufgestellten und ambitionierten Musiker unter der Leitung von Michael Millard zu beschreiben. Passender ist Sinfonietta als ein Orchester zu sehen, dessen Mitglieder keine professionelle musikalische Karriere eingeschlagen haben.

Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 mit Johannes Nies

Genau dies durften die Zuhörer in der vollbesetzten Phönixhalle erleben – ein Sinfonieorchester, das weiß, was es kann und sich etwas zutraut.

Ein geschicktes Statement in diese Richtung setzte Sinfonietta mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5: Es ist dies eines der ersten Werke der Gattung Sinfonisches Klavierkonzert, bei der das Orchester dem Soloinstrument nicht mehr dienend, sondern gleichwertig zur Seite gestellt ist. Beide verschmelzen im Dienst der musikalischen Aussage. Sinfonietta wurde diesem selbst gesetzten Anspruch gemeinsam mit dem durchweg virtuos und technisch auf hohem Niveau agierenden Pianisten Johannes Nies vollkommen gerecht.

Große musikalische Ausdruckskraft und ein sicheres Gespür in der Ausführung langer melodischer Bögen bewiesen Orchester und Pianist vor allem in dem choralähnlichen ergreifenden zweiten Satz des Klavierkonzertes. Viel Sinn für Humor zeigte Johannes Nies in seiner Zugabe, einer fast parodistischen Variation auf den „Türkischen Marsch“ aus Mozarts beliebter A-Dur-Sonate.

Das große Potential in einzelnen Instrumentengruppen sowie die feine Abstimmung untereinander zeigte sich erneut im zweiten Programmteil, der 9. Sinfonie von Antonin Dvorák, „Aus der neuen Welt“. Der Komponist verschmilzt hier Elemente von Indianerweisen und Spirituals mit musikalischen Wendungen der böhmischen Volksmusik.

Die vom Englischhorn im zweiten Satz angestimmte bekannte Trauerklage führte hinaus in die Weiten der Prärie und zeugte vom sicheren Umgang der Musiker mit Klangmalereien.

Insgesamt führte Michael Millard, Kapellmeister am Staatstheater Mainz und seit 15 Jahren musikalische Leiter von Sinfonietta, das Orchester bestimmt und mit großem Ansporn zu einer Leistung über die Grenze des Amateurhaften hinaus.

(geschrieben für: Allgemeine Zeitung Mainz, 01.Mai  2012)

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