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Deportation Cast: “Warum sind wir hier?”

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Abgeschoben, weil die Zeit der offiziellen Duldung ausgelaufen ist. Das erlebt die junge Elvira, die als Mitglied der verfolgten Minderheit der Roma Ende der 1990er Jahr vor den Schrecken des Krieges und der Diskriminierung mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland floh und jetzt zurück geschickt wird. Abgeschoben aus einem Alltag mit Schule, Freunden und Sicherheiten, zurück in Armut und Diskriminierung. Von einem Tag auf den nächsten. Wer ist Schuld? Wer hat versäumt?

„Deportation Cast“ von Björn Bicker ist ein Theaterstück für junge Menschen ab 14 Jahren. „In Zeiten in denen Heime brennen, hat das Stück große Aktualität“, sagt Regisseurin Brit Bartkowiak. Die Inszenierung, die ab Sonntag im Glashaus des Mainzer Staatstheaters zu sehen sein wird, hat sie aus Oldenburg mitgebracht. Dort war das 2012 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnete Stück während der Intendanz von Markus Müller zu sehen. Für Mainz mussten zwei der vier Rollen neu besetzt werden. Neu ist auch die Raumgestaltung. Die Stadt Mainz, in der sich die Menschen unter einem Himmel vermischen in dem sich die Flugzeuge kreuzen, ist Teil der Kulisse.

Elvira lebte im offiziell so bezeichneten „Duldungsstatus“ seit rund zehn Jahren in Deutschland. Die Schrecken des Kosovokrieges und der Verfolgung hat die Familie auch hier nicht abschütteln können. Egzon der kleine Bruder ist nach einer Bluttat in der ehemaligen Heimat stark traumatisiert, er spricht kein Wort. Auch der Vater ist seelisch schwer gezeichnet. Dennoch, Elvira und ihr Bruder Toni wachsen mit der deutschen Sprache im deutschen Bildungssystem auf und haben Freunde. Nach der Abschiebung werden sie wieder zu Fremden, erleben Armut und Ausgrenzung mehr denn je. In Deutschland sucht Elviras Freund Bruno mit Familie und Lehrerin nach Antworten. Der Vater hat als Pilot Abschiebeflüge geflogen. Wer ist Schuld? In der dritten Spielebene befragt eine Beobachterin die Sachbearbeiterin vom Ausländeramt, einen Arzt und einen Anwalt nach Verantwortung und Rechtfertigung.

Vier Darsteller spielen auf jeder Erzählebene des knapp anderthalbstündigen Stückes einen anderen Charakter. Insgesamt versuchen zwölf Figuren das Unerklärliche zu ergründen. In Interviews, Spielszenen und über die Erzählerstimme des stummen Kindes Egzon. „In „Deportation Cast“ ergibt sich aus der Summe subjektiver Blickwinkel und Erfahrungen ein vielschichtiges Panorama unserer Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, die in grundsätzlichen Fragen wortwörtlich an ihre Grenzen stößt“, hieß es in der Laudatio für den Autor bei der Verleihung des Jugendtheaterpreises.

„Die Figuren aus der Bürokratie werden Interviewt, sie reden sich dabei teils um Kopf und Kragen“, erzählt Regisseurin Bartkowiak. Es geht ihr allerdings nicht um eine Wertung. „Wir zeichnen auf der Bühne keine Karikaturen, wir diffamieren nicht.“ Dem Publikum wird ein Stück Wirklichkeit benannt, zu dem sich jeder selbst befragen muss. Dynamische Szenenwechsel und eine zarte Erzählweise mit musikalischen Akzenten, machen die schwere Kost des dramatischen Geschehens, nach Ansicht der Regisseurin für junge Menschen greifbar.

Autor Björn Bicker spricht über „Deportation Cast“ seine Recherchen zur Situation der Roma und seine dokumentarischen Projekte mit „Experten des Alltags“ am Freitagabend um 20 Uhr im Orchestersaal des Staatstheaters. Karten für diese Veranstaltung sind noch erhältlich. Die Premiere von „Deportation Cast“ am Sonntag ist ausverkauft.

Info:

Für die Premiere „Deportation Cast“ am Sonntag, 19. April um 16 Uhr im Glashaus des Mainzer Staatstheaters sind keine Karten mehr erhältlich. Weitere Vorstellungen am 23. und 29. April sowie am 4., 11. und 19 Mai. Weitere Termine folgen.

Bild: Staatstheater Mainz, Deportation Cast Denis Larisch, Kristina Gorjanowa [Foto: Andreas Etter]

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, am 24. April 2015 

 

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