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Feridun Zaimoglu über die Bücher seines Lebens

Mainzer Stadtschreiber 2015: Feridun Zaimoglu

Wer weit reisen will, aber nicht fliegen kann, sitzt viel in der Bahn. Wer Bücher schreibt aber keinen Computer will, muss auf unbequemeren Tasten tippen. Beide Entscheidungen rauben Zeit – oder schenken sie, je nach Sichtweise. Der neue Mainzer Stadtschreiber Feridun Zaimoglu hat sich für die jeweils ruhigere Gangart entschieden. Und das scheint ihm genau die Räume zu lassen, die er benötigt um sich ganz der Sprache hinzugeben und ihren Wert zu verfechten. Viel Bemerkenswertes über den Autor und sein Verhältnis zur Kraft des gedruckten Wortes, durfte das Publikum am Mittwochabend im KUZ bei der Aufzeichnung der SWR-Sendung „lesenswert“ erfahren.

Zaimoglu, der sein Amt in der vergangenen Woche angetreten hat, brauchte von seiner Stadtschreiberwohnung nur einen kurzen Fußmarsch entlang des Rheines zurück zu legen. „Mainz“, so verriet er im lockeren Plausch beim Soundcheck Moderatorin Felicitas von Lovenberg, „ist wirklich gut“. Und er sammelt Gartenzwerge, „die grimmigen, nicht die mit den freundlichen Gesichtern“.

Drei Bücher, die sein Leben prägten hatte Feridun Zaimoglu mitgebracht. Aus allen strotzt die Kraft der Sprache. Und so wie Zaimoglu die Literatur, die auf anderen Schreibmaschinen als seiner eigenen geschrieben wurde, mit biographischen Anekdoten aus seinem Leben verknüpfte, erlebte das Publikum eine regelrechte Verneigung vor echten, ungekünstelten Sprachstil.

Aufgewachsen im Arbeitermilieu des Münchner Stadtteils Moosach habe es ihn als Kind regelmäßig in die Bücherei verschlagen. Die Bücher dort eröffneten ihm „eine magische Welt“. Sein Lieblingsband: Die Bauerregeln, Bauernweisheiten, Bauernsprüche von Georg Haddenbach. „Das waren großartige deutsche Worte mit Klang, eine Sprache die mir sofort gefiel.“ In der archaischen Stärke der Bauernregeln habe er einen Spiegel gefunden für sein Kinderleben im Stadtteil. „Da war eine Welt, die Worte fand, für das was wir erlebten und wir erleben wollten“.

Jahre später, anderes Buch. Während einer Recherchereise in Budapest waren es Wolf Wondratscheks Gedichte aus „Die Einsamkeit der Männer“, von denen er „beglückt war wie ein Kind“. Als Machobuch habe er den Gedichtband nie gelesen. Und überhaupt, was das bedeute männlich zu sein? „Keine Ahnung was das ist.“

Mit dem weniger bekannten Lyriker Thomas Kunst verbrachte Zaimoglu einen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom. Dessen Gedichtband „Was wäre ich am Fenster ohne Wale“, hat ihn nach einer durchfeierten Nacht umgehauen. „Ich kann keine Gedichte schreiben“, gab er zu. Umso größer die Begeisterung für den „verkannten Poeten“ Kunst. „Keine Bastelkunst, keine experimentelle Angeberlyrik, ich war ergriffen.“

Felicitas von Lovenberg sprach außerdem mit Kirsten Fuchs über deren Roman „Mädchenmeute“. In der zweiten Aufzeichnung erfuhr Moderator Denis Scheck von Matthias Politycki erhellendes und erheiterndes über den Marathonlauf und seinen Einfluss auf das Schaffen des Autors. Christoph Keller, Kunstverleger und Betreiber einer Brennerei für rund 200 verschiedene Spitzendestillate sprach über seine Beziehung zu den Asterix Heften und dem Roman „Segen der Erde“ von Knut Hamsun.

Info:

Die Sendungen werden am 19. März und 9. April jeweils um 23.15 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt und am 22. März sowie am 12. April um 8.45 wiederholt.

Bild: obs/ZDF/ZDF/Jana Kay

Veröffentlicht in Allgemeine Zeitung Mainz, 27. Februar 2015

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