Musik

Präsentation der „Evolution“

20.06.2012 – MAINZ

URAUFFÜHRUNG Kammerorchester spielt neues Werk von Peter Michael Braun

(mpl). Der Grundsatz im kompositorischen Schaffen von Peter Michael Braun lautet, dass die Faszination von Leben und Musik auf Schwingungen und deren mathematischen Beziehungen beruht. Damit folgt Braun dem Satz von Leibniz, Musik sei eine „verborgene Rechenübung der Seele“. Im zweiten Konzert der Reihe Mainz Musik brachte der 1936 geborene Komponist mit dem Mainzer Kammerorchester als kongenialen Partner am Samstagabend sein gut einstündiges Werk „Evolution“ im Roten Saal der Musikhochschule zur Welturaufführung.

Teilen und Vervielfältigen

Lange Töne in den tiefen Streichern eröffnen die „Evolution“ wie Glockenschläge. Darüber entwickeln sich nach einer Weile kurze, hochtönige Motive in den Geigen. In diesen ersten Takten stellt Braun das gesamte Prinzip der „Evolution“ vor, das sich am besten durch den Vergleich mit dem altertümlichen Ein-Saiten-Instrument Monochord erklären lässt. Wird eine Seite geteilt, erhöht sich ihre Frequenz, es entstehen Obertöne. Wird der Saite Raum gegeben, entstehen die tiefen Untertöne, die sich auch in Glockenschlägen hören lassen.

Der gesamte erste Satz spielt mit langen Tönen, dem mathematischen Teilen und Vervielfältigen auf Basis von Untertönen. Wenn das Werk nach fünf Sätzen rein obertönig verklingt, hat Braun die Musik von ihren Ursprüngen aus Raum und Natur gelöst und ins Universum geschickt. Die Sätze dazwischen stellen Bezüge her zur Pentatonik, dem ältesten nachgewiesenen Tonsystem, dem Scherzo der Klassiker und im überraschend melodiösen vierten Satz zu Schönberg und der Spätromantik.

Musik als Naturereignis

Die zwischen 2006 und 2008 entstandene „Evolution“ spiegele die „Entwicklung der Musik von den Naturintervallen in den Kosmos“, erklärt Braun. Es ist ein Werk, das nach Auseinandersetzung verlangt, aber schließlich den Erkenntnisgewinn von Musik als Naturereignis bringt.

Musik, Natur und Kosmos bilden auch die Grundidee von Arnold Schönbergs spätromantischer sinfonischer Dichtung „Verklärte Nacht“ (1899) für Streichsextett, das der „Evolution“ vorangestellt war. Grundlage ist ein Gedicht von Richard Dehmel, in dem die Frau ihrem Mann erklärt, dass sie das Kind eines anderen Mannes in sich trägt. Statt der Handlung folgt Schönberg den Gefühlsregungen der Partner in der romantischen Kulisse einer Vollmondnacht. Stillen, schweren Schrittes schreiten die beiden durch die Nacht, dramatisch steigen die Motive auf, wenn sich die Frau der Sünde bezichtigt. Die Schönheit des Mondlichtes spiegelt sich in gedämpften Läufen wieder. Das warme, melodische Duett zwischen Geige und Cello steht für die großmütige moralische Haltung des Mannes. Frei von übererregtem Pathos, aber mit klarer Gefühlsbetonung brachte das Sextett des Mainzer Kammerorchesters eines der ausdrucksstärksten und schönsten Musikstücke an der Wende zum 20. Jahrhundert zu Gehör.

(geschrieben für: Allgemeine Zeitung Mainz, 20. Juni 2012)

(Bildnachweis: zett/Vollmond)